PRESSE

gert neuhaus kunst in THE PRESS


Berliner Abendschau

RBB Fernsehen

Interview mit Gert Neuhaus

2009

Video



Welt am Sonntag vom 7. Juni 2009

"Die Illusion der 3. Dimension"
Gert Neuhaus hat sich der Malerei mit räumlichen Effekten verschrieben. Auf Berliner Brandwände zeichnet der Künstler Tempel, Schiffe und auch mal einen riesigen Schuh. Immer täuschend echt

von Dirk Westphal

DIE GROSSEN Werbetafelmalereien in Amerika hatten es ihm angetan. Darauf fein ziselierte, extrem detailgetreue Gestalten in Polaroidfarben. Mädchen mit Colgate-weißen Zähnen in knallig-bunten Petticoats, überlebensgroße und Marlboros rauchende Cowboys oder Coca-Cola-Dosen-knackende Jugendliche. Gert Neuhaus ließ sich von den Billboards und Plakaten der 60er-Jahre inspirieren, die Tankstellen, Hauswände oder mitunter sogar Wolkenkratzer in Manhattan oder Los Angeles schmückten. Auf Berliner Hauswände drapiert der Maler seit den 70er-Jahren seine Variante des Realismus, malt auf Giebel, Brandwände und Fassaden riesige Bilder. Keine mit fotorealistischen Werbegestalten, aber ebenso detailgetreu gezeichnete Bilder. Bilder, die mit der Illusion eines dreidimensionalen Effektes spielen: Paläste, Titanic"-gleiche Schiffsrümpfe, die sich durch Hauswände schieben, überdimensionale Turnschuhe oder auch Bilder, die scheinbar einen Blick in eine andere Welt gewähren. An der Stübbenstraße 7 in Schöneberg hat der 70-Jährige vor wenigen Tagen eine solche Arbeit fertig gestellt, sein fünfzigstes Wandbild. Auf eine Brandwand malte er eine Treppe, die in einen Wald mündet. In Höhe der Baumwipfel zeichnete eine Terrasse. Auf ihr sitzen zwei Menschen Zeitung lesend an einem Tisch. „Wenn der Vater mit dem Sohne" hat er es genannt. Das Bild erinnert an Aufnahmen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als einige Berliner in ihren Wohnungen saßen, sich in Normalität übten, obschon die Hauswand vor ihnen weggesprengt war und jeder von außen in die Wohnung blicken konnte. Der Zweite Weltkrieg schaffte auch die Basis für Neuhaus, erschaffte seine Arbeitsfläche. Die von Weltkriegsbomben freigelegten Brandwände. Dass erste Mal, dass Neuhaus „bewusst" Fassadenmalerei wahrnahm, war nach dem Zweiten Weltkrieg, als er Bremen besuchte. Dort hatten Jugendliche Bunker bemalt, in denen einst U-Boote oder „Vergeltungs"-Waffen gefertigt wurden. Es waren großflächige Arbeiten, eine Frühform des Graffito und für Neuhaus die „Initialzündung". Er sagt das, während er auf einem Sessel in seinem Wohnzimmer Platz nimmt und zur Teekanne greift. An der Wand hängt die Büste einer polnischen Prinzessin von Daniel Rauch, im Nebenraum ein Gemälde Friedrichs des Großen. Es ist eine vergrößerte Kopie nach Vorlage von Antoine Pesne, einem der Künstler, die Neuhaus bewundert. „Ein Großer", sagt er. Auch James Rosenquist gehört dazu, einer der Großen der Pop-Art. Neuhaus' Karriere als Fassadenmaler war nicht absehbar. Sein Vater war AEG-Manager, seine Mutter Hausfrau, allerdings, wie Neuhaus sagt, „eine mit Kunstsinn und -verstand". Am Kriegsende war der damals Sechsjährige in Dresden „ausgelagert", nach 1945 kehrte er mit seinen Eltern nach Berlin zurück, machte Abitur und studierte Bildende Kunst im „Parforcetempo" an der Hochschule der Künste. Danach arbeitete der Künstler als Grafiker, ging an die Letteschule, unterrichtete Aktmalerei und Architektur und assistierte in der Folge dem Maler Matthias Koeppel, der sehr detailgetreu auch das Berlin der Nachwendezeit mit Öl und Leinwand bildlich festhielt. Gert Neuhaus begann mit seiner Kunst, als er Mitte der 70er-Jahre über einen befreundeten Architekten den Auftrag erhielt, am Buckower Damm die Hauswände einer Siedlung zu bemalen. Er wählte ein Motiv, das Technik mit Natur verband, Stahlplatten mit grünem Wildwuchs. In der Folge baten ihn Hauseigentümer, für sie zu arbeiten, und das tat er, in großem Maßstab. Neuhaus spielte mit optischen Täuschungen, motzte Brandwände zu vermeintlich kompletten Häusern auf, verlängerte oder verkürzte Perspektiven, hob durch geschickt gesetzte Striche und sorgsam ausgewählte Farbnuancen die gewohnten räumlichen Perspektiven auf. Etwa am Spandauer Damm 111, wo Neuhaus aus einem tristen Hinterhof eine kleine, pittoreske Erlebnislandschaft werden ließ. Auf eine Brandwand malte er einen Renaissancepalast, daneben ein Häuschen, wie man es vielleicht in einer englischen Kleinstadt vermutet. Über einem der Fenstergiebel drapierte er einen Schlussstein aus Stuck, das einzig echte Dreidimensionale in dieser Großwandillusion. Dass vor dem bis auf dem Boden reichenden Bild mitunter auch einige echte Mülltonnen stehen, stört den Gesamteindruck der Arbeit nicht. Der imaginäre Bewohner des kleinen Häuschens könnte sie dort aufgestellt haben. Neuhaus amüsiert es, wenn seine Arbeiten „etwas irritieren", wenn sie in seinem Sinne funktionieren. „Illusionsmalerei" nutzten Maler schon in der Antike und Renaissance. Sei es zur Ausschmückung von Innenräumen, oder um einen Raum größer erscheinen zu lassen. Die Schaffensepochen, die Neuhaus für interessant hält, sind überschaubar. „Der bayerische Barock, sicher, der war so heiter, so verspielt, ließ Fehler zu; und dann wären da noch die Färb- und Formenexplosionen von Jackson Pollock." Anfang der 60er-Jahre hätten Arbeiten von Jackson Pollock in der Hochschule der Künste gehangen, erinnert Neuhaus. Werke, die ihm die Sprache nahmen, weil sie zeigten, „wie unbändig und gekonnt ein Künstler da die Sau rausließ". „Nach Pollock", wusste Neuhaus für sich, „konnte nicht mehr viel kommen." Die Vorstellung, als Künstler Neues schaffen zu können, war für ihn „angekratzt". Damals hat Neuhaus auch den jungen Markus Lüpertz kennengelernt und Baselitz, die damals weniger bekannt waren und heute Stars sind. 

Neuhaus' Wohnung liegt in einem gutbürgerlichen Altbau in Charlottenburg, ein Urberliner Kiez zwischen Seesener Straße und Kurfürstendamm. Nicht weit von seinem Haus, an der Zillestraße 100, ist eines der bekanntesten und ältesten Wandbilder von ihm zu sehen. Sie stammt von 1979, heißt „Reißverschluss" und schmückt eine ganze Wand. Andere Werke, die einst Häuser¬seiten zierten, sind längst verschwunden. Entweder weil die Gebäude abgerissen wurden oder weil neue Häuser die Wandbilder zudeckten. Zu Neuhaus' derart verschwundenen Werken gehört auch der riesige Turnschuh, der jahrzehntelang eine Häuserecke gegenüber vom Rathaus Neukölln zierten. Durch den Bau eines Einkaufscenters wurde es verdeckt. Neuhaus konnte es nicht verhindern. „Für meine Art der Kunst gibt es kein Copyright, und sie ist auch nicht übertragbar", sagt er und lächelt dabei ein bisschen wehmütig, so als habe er das Verschwinden seiner Kunst längst als naturgegeben akzeptiert. Auch gebe es in Berlin ja noch „ausreichend viele leere Wände". Wie viele Künstler es in Berlin gibt, die Ähnliches machen, weiß Neuhaus, der auch Fassaden in Dresden, Jena, Erfurt, Leipzig und Frankfurt am Main bemalte, nicht. Aber die Zahl der Wandbilder in Berlin kennt er schon. Um die 400 seien es wohl, sagt er. Dass es auch andere Maler gibt, die im Berliner Stadtraum ebenfalls großflächig mit Kunst aufwarten, ficht Neuhaus nicht an. Friedrich Ernst von Garnier zum Beispiel ist einer von ihnen. Im Auftrag von Berliner Wohnungsbaugesellschaften versah der Vater der Regisseurin Katja von Garnier triste Plattenbauten mit neuen, mitunter gewöhnungsbedürftigen Farbkombinationen. Ein Wohnblock an der Mollstraße, östlich des Alexanderplatzes, gehört dazu. Große rose- und ockerfarbene Schlieren ziehen sich seither über die Fassade. Ob es die Bauten verschönert hat, bleibt als Wertung dem Betrachter überlassen. Neuhaus sagt, dass er mit Farbe „gern etwas für das Stadtbild tun" möchte. Allen wird vielleicht auch seine Kunst nicht gefallen, in viele Bildbände und Reiseführer über Berlin hat sie es aber geschafft. Mit optischen Täuschungen wie Neuhaus, nur auf dem Boden und nicht an Wänden, arbeiteten 2005 auch Künstler am Potsdamer Platz. Im Auftrag einer internationalen Agentur malten sie auf das Straßenpflaster eine verschreckende Illusion. Menschen an den Kufen eines Hubschraubers hängend, unter ihnen eine Häuserschlucht. „Stunt City" hieß die Arbeit - ein Riesengemälde aus Kreide, 20 Meter lang und 15 Meter breit, faszinierend real durch einen wirkungsvollen 3-D-Effekt. Die Passanten fanden sich auf dem imaginären Fenstersims eines 22. Stockwerks wieder. Auch Gert Neuhaus nutzt solche Effekte gern. Innerhalb Europas seien sie „eine echte Berliner Spezialität". Und davon werde er noch etwas liefern. Man darf gespannt sein.

Mitarbeit: ]essica Schulte
BW


DAS GRUNDEIGENTUM Heft 7 2005 1.Aprilheft

Aus einem schlichten Innenhof am S-Bahnhof Schöneberg ist eine Illusionsarchitektur geworden. Kostengünstiger als jeder Stuck wurde mit den Mitteln der Malerei die Stimmung der Renaissance herbeigezaubert. Das Künstlerteam Neuhaus - Berlin macht etwas aus Ihrem Grundbesitz. Wohnen zum Wohlfühlen.


Berliner Woche vom 6. Oktober 2004

"Wandbild am Campus zeigt Brandenburger Tor"
Wolfgang Thierse: Motiv symbolisiert, wie wichtig Buch für Berlin ist

Buch. Eine riesige Fassadenmalerei des renommierten Künstlers Gert Neuhaus enthüllten Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Vertreter des Bucher Regional-managements und der EWG Ersten Wohnungsgenossen-schaft Pankow vergangene Woche am Giebel der Robert-Rössle-Straße 22.

„Ist denn die Fassade von so weltpolitischer Bedeutung, dass der Bundestagspräsident zur Enthüllung kommen muß?“ wurde Thierse zur Begrüßung von einem Fernseh-Team gefragt. „Weltpolitische Bedeutung hat das sicher nicht. Aber ich sehe das Fassadenbild als Zeichen dafür, dass in Buch gemeinsam am Erfolg gearbeitet wird“, antwortete Thierse.

Außerdem gehöre der Ortsteil Buch zu seinem Wahlkreis. „Mit großem Interesse verfolge ich seit Jahren, wie sich Buch weiterentwickelt. 215 Millionen Euro sind bisher in den Aufbau des Forschungs-standortes geflossen, und es wird weiter investiert. Das Helios-Klinikum hat gerade mit dem Neubau eines 1000-Betten-Hauses begonnen.“

Neues Museum

In diesem Zusammenhang sprach sich Thierse deutlich für den Bau eines Life Science Centers in Buch aus, auch wenn Berlin noch zögert. „Solch ein Wissenschaftsmuseum gehört nach Buch. An diesem Standort haben die Akteure bisher immer gezeigt, dass sie verantwortungsvoll mit Investitionen umgehen."

Viele Bucher beteiligt

Das 12 mal 16 Meter große Fassadenbild von Gert Neuhaus zeigt einen Teil des Brandenburger Tores. Der Künstler hat vor, das Bild vom Giebel auf die Fassade weiter zu malen, wenn diese ebenfalls saniert worden ist. Damit entsteht dann ein ganz realistisches Bild, das fast dreidimensional erscheint. „Dieses Motiv ist ein Symbol dafür, dass Buch wichtig für Berlin ist“, interpretiert Thierse das Kunstwerk.
An der Idee und der Umsetzung des Bildes waren viele Bucher beteiligt, unter anderem auch das Regionalmanagement Buch, die EWG und Einrichtungen und Institutionen auf dem Campus an der Robert-Rössel-Straße. Das neue Fassadenbild befindet sich unmittelbar an der Straße, die auf das Campus-Gelände führt.

Erstes Bild auf Plattenbau

Das Bild hat auch für den Künstler- Gert Neuhaus eine besondere Bedeutung: „Ich habe zwar schon 40 Wandbilder, unter anderem in Frankfurt am Main, München, Dresden und Erfurt gemalt, aber noch nie eines auf den Giebel eines Plattenbaus.“

 

DAS GRUNDEIGENTUM
Nummer 2 / 2005 2. Januarheft

Der Plattenbau als Herausforderung. Das Künstlerteam
G. Neuhaus hat sich mit diesem Thema erfolgreich auseinander- gesetzt. An der Peripherie Berlins ist eine künstlerische Kostbarkeit entstanden. Das Brandenburger Tor ziert seit letztem Jahr eine Giebelwand in der Robert-Rössle-Straße 22 im Bezirk Buch. Titel des Kunstwerkes: Huldigung eines Plattenbaus. Auftraggeber war die Regional Management Buch.


Berliner Zeitung Nummer 2 - 3./4. Januar 2004

"Frisches Aussehen, Fassadenmalerei imitiert den historischen Zustand"

VON RUPRECHT HAMMERSCHMIDT

BERLIN, 2. Januar.
Innerhalb von nur zwei Wochen bekam das Haus in der Niebuhrstraße in Berlin ein neues Gesicht. Der Altbau sah von außen lange Zeit nicht besonders aus. Wie bei den anderen Häusern der Straße ist es um 1900 gebaut und damals mit der üblichen Stuckfassade verziert worden. Was heute wieder als schön empfunden wird, mochten nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige. Der Stuck wurde deshalb bei vielen Häusern abgeschlagen, was gleichzeitig einige Arbeitsplätze schaffte. Um die Hauseigentümer zu diesen Maßnahmen zu ermuntern, gab es dafür sogar noch eine Prämie vom Staat.

Aufwertung
Die schmucklosen Wände sind inzwischen nicht mehr modern und manch ein Hausbesitzer überlegt, wie er sein Gebäude aufwerten kann. Zum Teil reicht etwas Farbe. In der Niebuhrstraße malte Gert Neuhaus beispielsweise ein Dekor neu. Die grauen Linien wirken auf Passanten wie Vertiefungen im Mauerwerk. „Drei Elemente haben in diesem Fall bereits ausgereicht, um einen neuen Eindruck zu schaffen", sagt der Fassadenmaler.
Im Vergleich zur Wiederherstellung ist der Arbeitsaufwand gering. „Wir brauchen nur Farbe und ein Lineal", sagt Neuhaus. Damit ein plastischer Eindruck entsteht, setzt er mit der Farbe Schatten auf die Wand. Damit sieht die Fassade selbst bei Regen so aus, als würde die Sonne scheinen.
Wichtig ist ein sehr glatter Untergrund, damit die Linien nicht ausgefranst erscheinen. Ein solcher Feinputz hat außerdem den Vorteil, dass er langsamer verschmutzt. Denn bei einem grobporigen Putz bleibt der Schmutz schneller hängen. Auf glattem Untergrund wird er einfach abgewaschen, erklärt der Experte.

Verzicht auf Linoleum
Während das Gerüst für die Fassadenmalerei stand, ließ der Eigentümer auch gleich die Fenster mitstreichen; Wie zu Zeiten des Baus, sind sie jetzt wieder grau gestrichen. Zuvor waren sie weiß lackiert. Die graue Farbe betont die Fensterhöhlen zusätzlich. Auch der Eingang wurde restauriert. Das große Eisentor wurde sorgfältig aufgearbeitet und neu lackiert.
Auch innen wird das Gebäude schöner. Die Wohnungen werden nach und nach modernisiert. Dabei sollen sie einen modernen Standard erhalten. Das Treppenhaus ist bereits fertig. Statt über Linoleum gehen die Bewohner nun über Marmor zu ihren Wohnungen.

DAS GRUNDEIGENTUM
Nummer 20 / 2003 2.Oktoberheft

Auf den ersten Blick sieht dieses Haus in der Niebuhrstraße 1 in Berlin- Charlottenburg aus wie viele andere schöne Berliner Altbauten mit ihren typischen Stuckfassaden. Aber nur auf den ersten Blick. Wer nah an das Gebäude herangeht, sieht, daß da ein Künstler am Werk war, der sich auf den schönen Schein versteht. Es ist das neueste Werk von Gert Neuhaus, der an mancher Berliner Stadtfassade seine Kreativität bewiesen hat. Man sieht, Stuck gibt's auch ohne Stukkateure.


DAS GRUNDEIGENTUM Nummer 7 - 2003 1.Aprilheft

Das Bild zeigt Wandbilder am Hotel Stuttgarter Hof in Berlin, entstanden im Sommer 2002. Die Arbeiten erweitern optisch die Innenhofanlage auf den sich gegenüber liegenden Seiten. Es sind Architektur-Illusionen, die sich an zwei Neubautrakten orientieren. Die künstlerischen Malereien wurden mit hochwertigen Außendispersionsfarben auf mit Wärmedämmsystemen und Glattputz vorbereiteten Flächen ausgeführt. Auftraggeber: relaxa hotel Stuttgarter Hof. Entwurf: Gert und Daniel Neuhaus, Berlin. Ausführung: Patrick, Daniel und Neuhaus sowie Jonas Fuhst, alle Berlin.


Berliner Zeitung Nummer 146 - 26. Juni 2002

"Alles Illusion"

Häuser mit großen Fenstern und abgestuftem Giebel, darüber ein Wolken behangener Himmel und Bäume, die einem kräftigen Wind standhalten müssen: Täuschend echt wirkt diese Berlinansicht und ist doch nur Fassade. Gemalt auf eine Wand im Innenhof des Hotels „Stuttgarter Hof an der Anhalter Straße in Kreuzberg. Zwei Monate lang arbeiteten der Wilmersdorfer Maler Gert Neuhaus, seine beiden Söhne und zwei Mitarbeiter des Hotels an dem rund 2 000 Quadratmeter großen Bild. Es ist die 38. Arbeit des Künstlers an einem Gebäude. „Architekturillusion" hat der 63-Jährige sein Werk getauft. Die Motive passen sich den Häusern der Umgebung an und wirken von weitem wie richtige Gebäude.


BAU Januar 2001

"Traum oder Realität"

VON PETER KNAAK

»Farbe im Stadtbild« hieß der Wettbewerb des Berliner Senats, bei dem Gert Neuhaus 1980 den 1. Preis erhielt. 20 Jahre später zieren die fassaden- und giebelfüllenden Gestaltungen des Berliner Künstlers zahlreiche Häuser in Berlin. Erinnert sei an den »Reißverschluß« 1979), die »Gebrochene Fassade« (1986) oder das »Schiff Phoenix« (1989). Aufträge in Erfurt, Dresden-Loschwitz und Jena folgten.
Die Fassadenmalereien sprechen mit ihren realistischen, teils augentäuschenden Effekten ein breites Publikum an, vermitteln gedankliche Anstöße und setzen oft durch ihre freundliche Farbigkeit positive Akzente im Stadtbild. Nach Eingang schriftlicher Aufträge erstellt Neuhaus Vorentwürfe zur Abstimmung mit dem Bauherrn, denen endgültige Farbentwürfe im Maßstab 1:100 zur Vorlage bei den genehmigenden Baubehörden folgen. Ausgeführt wird auf bauseitig gestelltem Gerüst mit hochwertigen, diffusionsfähigen Außen-Dispersions-und Silikatfarben. Je nach Motiv und Größe dauert die Erstellung, auf bauseitig vorbereitetem Untergrund, zwischen drei und maximal sechs Wochen.

Bild auch Teil der Umgebung

Als besondere Herausforderung wurde beispielsweise die Gestaltung der großflächigen Wandbereiche der »HolzMarktPassage« in Jena wahrgenommen. Die klassizistische Mitte Jenas als städtebauliches Umfeld war ebenso in der Lösung zu berücksichtigen, wie die gegenwarts- und zu-kunftsbezogene künstlerische Thematisierung des multimedialen Charakters der Passage. In enger Kooperation mit dem Bauherrn SAB entstand eine eindrucksvolle Vision des Dritten Jahrtausends: »Ein Blick in die Weiten des Kosmos« (1998).

 

Unvergleichbare Kunstwerke

Die Monumentalwerke des Meisters passen sich als perfekte optische Tauschungen der nachbarlichen Architektur an. Mit perspektivischer Akribie entsteht in lichtem Grau und Weiß eine Hausecke auf flacher Wand, mit Fensternischen und Simsen, die so echt wirken, daß Leute ganz nah rangehen, um ihr Profil zu befühlen. Die Nachbarschaft ist stolz auf ihren unverhofften Ausblick. Was Gert Neuhaus vielen seiner Kollegen voraus hat: er setzt die Ideen selbst in die Tat um. Stangen und Tableaus des Baugerüstes dienen ihm als Orientierungsraster, den er auf seine Skizze überträgt. Dann wird »locker übertragen«, ein Quadratmeter schluckt ein halbes Kilo Dispersionsfarbe. Toleranzen, »am langen Zügel zu arbeiten«, läßt er sich vorher einräumen, denn spontane Einfälle, modifizieren den Entwurf oft.


Berliner Morgenpost vom 20.März 2001

"Perfekte Illusion"
Die Spur der Wandbilder, Serie (Teil 9): Klassische Fassade verschönt 60er-Jahre-Haus

Von Christian John

Marienfelde - „Da stimmt doch was nicht." Je später uns dieser Gedanke in den Kopf schießt, desto größer ist der Triumph des Künstlers. Fassadenmaler Gert Neuhaus ist ein Täuscher, er hält uns zum Narren. Vorsicht ist also angebracht, wenn man sein 1993 entstandenes Wandbild am Stadtilmer Weg in Marienfelde besichtigt. Was echt, was Illusion ist, zeigt erst der zweite Blick.

„Meine Werke passe ich stets den örtlichen Gegebenheiten an", betont Neuhaus. Als er von der Wohnungsbaugesellschaft Degewo den Auftrag erhielt, das Eckgrundstück Stadtilmer Weg und Greizer Straße mit einem Wandbild zu schmücken, stand er vor einer schweren Aufgabe: Wie gestaltet man auf künstlerisch pfiffige Weise eintönige 60er-Jahre-Wohnhäuser?

Der Architekturliebhaber wusste Rat und malte, unterstützt von seinem Sohn Daniel, klassische Fassaden auf die beiden Brandmauern - jedoch perspektivisch verschoben. Optisch entsteht der Eindruck, als würden einige der mit Stuck und Säulen verzierten Fenster sanft nach hinten wegkippen. Nicht umsonst genießt Neuhaus den Ruf, ein „Meister der Perspektive" zu sein. Hier in Marienfelde gestaltete er einen wehmütigen Abschied von der Gründerzeit, vollzogen im Angesicht gesichtsloser Massenarchitektur. Heute ist „Stuck - passe", so dann auch der treffende Titel des Wandgemäldes.

Es sind stets kleine Details, mit denen der Wilmersdorfer Künstler demonstriert, dass er den Schalk im Nacken hat. Seine große Liebe gilt dem Surrealisten Rene Magritte, der die Wirklichkeit pointiert verfremdete. Ganz in der Tradition des großen Vorbilds pinselte Neuhaus auf das Waschhaus am Stadtilmer Weg eine kleine Treppe mit einer Tür: die perfekte Illusion. Fast möchte man die Klinke drücken, so echt erscheint der Eingang.

Auch den Schornstein, der an einer der gestalteten Brandmauern emporragt, integrierte der 62-Jährige in sein Kunstwerk. Auf ihm turnen zwei Gestalten. „Meine Frau Christianne hat mich von unten fotografiert. Davon haben wir Schablonen hergestellt und die dann montiert" grinst der Maler über den doppelten Neuhaus auf dem Dach.

Wenn es nach Gert Neuhaus ginge - er würde uns unablässig in die Irre führen. „Wandbildprojekte sind rar geworden", bedauert der Künstler. Zuletzt bemalte er in Frankfurt am Main einen großen Kinopalast. In Berlin hat er nur einen großen Auftrag in der Tasche: Am Anhalter Bahnhof soll ein großes Hotel entstehen.'„Die haben ein Bild von mir geordert. Aber erst muss das Gebäude stehen. Und das dauert noch."


Frankfurter Rundschau vom 3.August 2000 Nr.178

"Ein Propeller zur Überwindung der Tristesse"
Wandmaler dekorieren den Anbau des künftigen ,,MetropoIis“-Filmpalastes

Von Claudia Michels

Alles Fassade: Dem Substanzverlust am Volksbildungsheim folgt derzeit am Oeder Weg die Illusion einer Rekonstruktion. Ein Berliner Kunsterzieher und seine drei Söhne tragen am Anbau mittels Pinseln und Sprühschläuchen Fenster und Brüstungen, Laibungen und Gesimse auf . Das Volk am Boden registriert den Zuwachs an schönem Schein mit Genugtuung: „Eine kahle Wand", meinte ein Kunde im Copy-Shop nebenan, „wäre ja fürchterlich".
Ein Bild von einem Kulturdenkmal: Vater Gert Neuhaus und die Söhne Oliver Peucelle, Patrick und Daniel Neuhaus leben und arbeiten, nach Art einer traditionellen Malerschule, seit zwei Wochen damit. Mit der ihnen zugewiesenen fensterlosen Wand, hinter der sich künftig dem Kinopublikum Treppenhäuser und Säle auftun, wird das historische Schulungsgebäude zum “Metropolis"-Lichtspielpalast verlängert. Laut Entwurf soll sich die Welt der Illusionen von drinnen nach außen mit Hilfe eines gewaltigen Propellers Bahn brechen, der das vom Hauptbau kopierte Mauerwerk zu zerteilen scheint. Die „Überwindung der Tristesse" treibt Gert Neuhaus, der in einer Berliner Schule Kunst unterrichtet, an die Mauern der Städte: „Ich verbrate häufig die Ferien damit." Einen Schuber von Postkarten Berliner Wandgemälde trägt der Vater griffbereit bei sich in der verklecksten Aktenmappe; „Ich bin ein Kriegskind, ich hab' die Zerstörungen erlebt."
Am Volksbildungsheim hat der Einsatz der Vier eine weitere Glas-Fassade verhindert. Dem Bau-Subunternehmer fiel mit Vater und Söhnen Neuhaus etwas Bunteres und Anziehenderes ein. Gesimskanten, die Daniel auf einer Etage ansetzt, zieht Patrick ein Stockwerk tiefer senkrecht nach unten. Während der Vater in diesen Tagen großflächig die Galaxis aufsprüht, durch die demnächst deutlich sichtbar der Propeller stoßen wird.
Vieles wird an der Mauer auf Zuruf entschieden. Die letzten Striche, so schildern es die Söhne, liegen in der Hand des Vaters. Wenn die Wandmaler Abstand brauchen, wechseln sie auf die andere Straßenseite des Oeder Weges, fahren in den vierten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes und stecken beim Blick auf ihre gemalte Illusion die Köpfe zusammen. Dann entdecken sie „viele Fehler, viele Verzerrungen". Man hat eben so ein Kolossalgemälde nur schwer im Griff: „Mir schlottern", gesteht Gert Neuhaus, „schon die Knie".
Gleichwohl: Nun müssen sie da durch. Wenn der Oeder Weg fertig ist, nimmt die Familie für vier Wochen eine zweite Wand an der rückwärts gelegenen Eschersheimer Landstraße unter die Pinsel: Dort sollen Säulen, Fabeltiere und Kreise ziehende Himmelskörper plastisch werden.


Berliner Morgenpost Nummer 5. Februar 1998

"Die perfekte Illusion der „Giebelphantasien"

Steglitz. Die Illusion ist perfekt. Eine Hausecke mit Fenstern an beiden Seiten, in denen sich ein Bild mit der Venus von Milo von der gegenüberliegenden Wand zu spiegeln scheint. Erst, wenn der Betrachter unmittelbar vor dem Haus steht, durchschaut er den Trick: ein Gemälde auf einer völlig glatten Fassade. Der Berliner Wandmaler Gert Neuhaus verzierte das Hinterhaus an der Obentrautstraße 30-32.


Der Verein „pluspunkt" am Steglitzer Damm 105 organisiert für sein Frühjahr-Sommer-Prograrnm dreistündige Stadtrundfahrten zu rund 30 Berliner „Giebelphantasien". Unterstützt wird die Aktion vom Autor und gelernten Elektroniker Norbert Martins. Seit 1975 spürte der heute Fünfzigjährige mehr als 450 dieser Kunstwerke auf und beschrieb in seinem leider vergriffenen Buch „Giebelphantasien" die Geschichten um die Wandgemälde.

Viele sind versteckt auf Hinterhöfen, andere übersieht man während der Fahrt im Auto. So wie das Wandbild „Waldsterben" am Seniorenheim Ruhesitz an der Lietzenburger Straße. Einige Häuser weiter bei „Loretta" prangt das Bild „Globales Schach". An diesem Bild arbeiteten auch Jugendliche mit. „Für die Graffiti Sprayer als Strafe gedacht haben sie auch dabei gelernt", erzählt Martins.


Pankower Wochenblatt 2.November 1995


"Kunst einfach im Vorübergehen konsumieren"

Von Katrin Baum

Seine Leinwand ist aus Stein. Seine Motive ergeben sich aus dem Kontext der Häuser, ihrer unmittelbaren Umgebung und manchmal aus Geschichten oder Geschichte, die hier stattgefunden hat.

Seine Auftraggeber sind private Hausbesitzer mit Sinn für Schönes, Wohnungsbaugesellschaften, die eintöniges Grau satt haben. Der 56jährige Berliner Künstler Gerd Neuhaus malt Bilder auf die Wände. Am liebsten auf frisch verputzte, al fresco, wie einst Leonardo da Vinci sein „Letztes Abendmahl" im Dominikanerkloster zu Mailand.
Sind seine Gemälde also Fresken, die mit der Wand leben und mit ihr sterben? „Ja das kommt vor, daß plötzlich eines meiner Bilder verschwindet, weil eine Baulücke geschlossen wird", erzählt Neuhaus. Das Bild hatte trotzdem sein Publikum. Was nicht jeder, der malt, von seinen Werken behaupten kann.
Keiner kann die Leute zählen, die diese Art von Kunst konsumieren, die schauen und reden und sich Gedanken machen. Die Rezeption findet gewissermaßen im Alltag statt, im Vorübergehen. Die „Galerie" ist immer geöffnet, kostet kein Geld, und sprechen kann man über das-Werk mit jedem, der gerade vorbeikommt. Dabei galten die Giebelgemälde anfangs als bloße Stadtverschönerung, als Fassadenkosmetik. Wo die Stadt nackt und grau war, sollten die Bilder ablenken von städtebaulicher Misere. In den 60er Jahren setzte Ben Wargin den Impuls mit einer Giebelbemalung. Heute hat Berlin etwa 300 Giebelgemälde. Neuhaus selbst hat in allen westlichen Bezirken gemalt. Die bekanntesten Motive sind der riesige Reißverschluß und der Überseedampfer, beide in Charlottenburg.
„Was ich male, muß in die Gegend passen, sozusagen einen inneren Bezug zu den Häusern und den Menschen haben." Vor die Motiventscheidung setzt er daher die ausgiebige Milieustudie. „Bloß hinsetzen und pinseln, is nich", sagt Neuhaus.
Beim Überseedampfer war die Nähe zum Spreekanal ausschlaggebend und die Tatsache, daß in Berlin leider nie die großen Schiffe anlegen: Wassersehnsucht der Berliner „mit ihrer nicht klein zu kriegenden Weitläufigkeit" , wie Neuhaus sie empfindet. Natürlich darf das Bild nicht gegen die Sitte verstoßen. Wie überhaupt das Motiv letzten Endes durch das Stadtparlament abgesegnet werden muß. Es hat Zeiten gegeben, da ist schon mal ein Giebelbild vermeintlichen politischen Inhalts über Nacht verschwunden. Soeben vollendet hat Neuhaus sein erstes Mauerkunstwerk im Ostteil, in Prenzlauer Berg. In Zehlendorf entsteht ein Säulenportikus, dem Ambiente angemessen. Neuhaus malt an frischer Luft, in luftiger Höhe noch dazu. Seine immobile Stadtkunst wächst unter den Augen der Leute, ob er will oder nicht.
„Ich gehöre in Berlin zu den ersten Fassadenmalern und wahrscheinlich auch zu den letzten", sagt Neuhaus. Obwohl im April die Saison beginnt, ist sein Auftragsbuch derzeit so gut wie leer: „Das Interesse an dieser Stadtverschönerung hat rapide nachgelassen."
„Das hat auch Vorteile", sagt er. „Wenn das mühevolle Werk beendet ist - im Durchschnitt dauert die Bemalung vier bis sechs Wochen, haben sich die Leute daran gewöhnt." Jedoch nicht ohne Fragerei und Krittelei. Gut fände Neuhaus, einen Giebel zum Thema Jahrtausendwende zu bemalen. Das müßte schon ein sehr bedeutsamer Giebel sein - ob sich am Potsdamer Platz künftig so einer fände?


stern Magazin vom 30.März 1988

"IMMER AN DER WAND LANG"
Der Grafiker Gert Neuhaus zaubert auf triste Mauern Krämerläden, luftige Arkaden und witzige Verpackungen. Neuhaus ist einer der ersten Fassadenmaler Berlins.
Vielleicht auch der letzte: Den Bauherren wird die Verschönerung zu teuer.

Von WERNER MATHES

Am Wochendende, wenn die Busse kommen, stellt Fredi Schulz die Klingel ab. Der Hausmeister in der Zillestrasse 100 im Berliner Bezirk Charlottenburg will nicht von den Schaulustigen belästigt werden, die ins Treppenhaus und in den Hinterhof drängen. Von dort nämlich hat man den besten Blick auf die mächtige Brandmauer des Nachbarblocks.
Die Wand ist eine von 17, die der Berliner Gebrauchsund Industriegrafiker Gert Neuhaus im Laufe von zehn Jahren bemalt hat. Ein haushoher »Reissverschluss«, im oberen Drittel geöffnet, legt eine wunderschöne Gründerzeit-Fassade frei - gepinselte Illusion.
»Die Leute fragen mich oft, weshalb der Reissverschluss nicht weiter runtergezogen worden ist«, sagt Haus- und Kunstverwalter Schulz. Ganz einfach: weil gespart werden musste. Gert Neuhaus, 1979 von einer Wohnungsbaugesellschaft mit der Bemalung der öden Mauer beauftragt, hatte erst einen anderen Entwurfvorgelegt: einen riesigen Reissverschluss, der vor einem bisschen unbemalter Fläche klaffte. Zu teuer, sagten die Bauherren.
Da schlug seine Frau vor, einfach alles umzudrehen und nur den Ausschnitt zu bemalen. Das war billiger, in knappen fünf Wochen zu malen, die Auftraggeber als auch später die Mieter des Hauses Zillestraße 100 waren zufrieden.
»Ich gehöre in Berlin zu den ersten Fassadenmalern und wahrscheinlich auch zu den letzten«, sagt Neuhaus. Obwohl im April die Saison beginnt, ist sein Auftragsbuch derzeit so gut wie leer: »Das Interesse an dieser Stadtverschönerung hat rapide nachgelassen.«
Nicht bei den Touristen, für die wurden schließlich die hundert bemalten Fassaden Berlins in die Stadtrundfahrten einbezogen.
Die Zuschauer können sich kaum vorstellen, dass Neuhaus nicht ganz schwindelfrei ist: »Da oben gibt es Turbulenzen, man steht da total im Wind.« Deswegen hat er meist mit einem Freund zuiammengearbeitet, den er, vom Boden aus, mit einem Funksprechgerät dirigierte: »Unser Gerüst dient gleichzeitig als Raster für die Übertragung der Skizzen auf die Großflächen.«
Am liebsten malt er mit Acrylfarben. Das setzt allerdings stabilen Untergrund voraus. Alte Häuser müssen erst mal frisch verputzt oder zumindest mit wasserlöslichem Tiefengrund stabilisiert werden. Sonst kann's passieren, dass die Bemalung schnell wieder runterblättert. Bei einem Honorar von 20 000 bis 35 000 Mark für eine Fläche von 800 Quadratmetern - ohne Farbe, Putz und Rüstung - kann sich Neuhaus keine Fehler leisten: »Sonst steigen mir die Bauherren aufs Dach.«
»Manche sind sowieso auf Sonnenblumen oder Madonnen fixiert. « Doch die hat er nie gemalt. Seine »Zwei Verschnürungen « in Neukölln wurden im berühmten Berliner Volksmund schon zum »Turnschuh« – und der ist heute eines der Wahrzeichen vom Kiez.
Noch nicht so bekannt ist seine »Gebrochene Fassade« am Haus 30-32 in der Kreuzberger Obentrautstrasse. Vor zwei Jahren schuf Neuhaus hier eine perfekte optische Täuschung: Auf platter Wand entstand eine Gebäudeecke mit Simsen und Erkern in Grau und Weiss. Passanten treten da schon mal näher und berühren verdutzt die glatte Fläche.
In Charlottenburg fummelte Neuhaus am »Spandauer Damm 111-113« einen kleinen englischen Krämerladen auf den Putz. Gleich daneben hat der 49jährige, der im Lette-Verein den Schülern »ein bisschen Kunst und das lockere Denken« beibringt, sein Atelier. »Wenn hier wirklich nichts mehr geht«, sagt Gert Neuhaus, »dann gehe ich woanders hin.« Adressen von Interessenten aus dem Ausland hat er sich schon vorsorglich notiert.


BILD Zeitung vom 15.Juli 1986

"FASSADEN"
Maler Neuhaus verwandelt Brandmauern in Kunstwerke

uh. Berlin, 15. Juli
Sein Atelier ist die Straße. Wer meine Bilder sehen will, braucht In keine Galerie zu gehen: Gert Neuhaus (49) aus Spandau ist Berlins bekanntester Fassadenmaler.
Wer ist nicht schon mal stehengeblieben und hat sich den „Turnschuh" gegenüber vom Rathaus Neukölln angeguckt. Oder die berühmte »Venus von Miló« an der Obentrautstraße. Oder den riesigen »Reißverschluß« an der Zillestraße, der auf eine häßliche Brandmauer gemalt ist und den Blick freigibt auf eine schöne alte Fassade...
„Hier hat der Hausbesitzer zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen", sagt Neuhaus, „dadurch, daß die Brandmauer jetzt mit zu dem Kunstwerk gehört, brauchte er nicht die ganze Wand zu bemalen - da hat er viel Geld gespart. Und die Leute bleiben stehen, finden's toll"
Je nach Größe kosten die Giebelzierden rund 25 000 Mark. 17 hat er schon gemalt, alle in Berlin. Jetzt will Gert Neuhaus unsere Stadt exportieren: »Ich habe Anfragen ans Frankreich, England, USA - Berliner Motive in Straßen fremder Länder."


BZ 17. Dezember 1983

"Kaiser Wilhelm und Heinrich Zille - gemeinsam auf dem Balkon"

BERLIN, 17. Dezember
Auf einem Balkon im 4.Stock eines Mietshauses in der Fechnerstraße in Wilmersdorf stehen zwei Geschichts-Figuren, blicken auf einen Parkplatz hinunter. Es sind in der Mitte Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) und als 2. von links Heinrich Zille (1858-1929). Der Balkon steht auf einer riesigen Schraube:

Das alles hat der 44jährige Fassaden-Künstler Gert Neuhaus auf die graue Beton-Giebelwand gemalt.

Hauseigentümer Dieter Mende hatte das Fassaden-Kunstwerk in Auftrag gegeben. Installateurmeister: „Die Fassaden-Arbeit, die vor vier Wochen fertig wurde, ist eine Anlehnung an die Preußen-Ausstellung. An den Kosten von 32000 Mark hat sich der Senat beteiligt."


BILD Zeitung vom 16. Dezember 1982

"Nur die Mülltonnen sind echt"

Berlin wird immer schöner - an vielen Stellen werden dem tristen Grau der Großstadt farbige Tupfer aufgesetzt, Fassaden werden nicht mehr einfach übertüncht, immer mehr Hausbesitzer lassen sich jetzt von Architekten und Künstlern beraten, wie sie ihre Häuser am freundlichsten gestalten können. Um noch mehr Farbe ins Stadtbild zu bringen, laufen seit 1978 Wettbewerbe. In diesem Jahr beteiligten sich 78 Hauswirte und Künstler daran. 28 wurden gestern von Bausenator Rastemborski ausgezeichnet.

Eins der originellsten Beispiele für Farbe im Stadtbild ist der Hof am Spandauer Daram 111. In fünf Wochen malte Gert Neuhaus (43) auf eine graue Giebelwand eine italienische Renaissance-Fassade (rechts) und ein französisches Schlößchen (links), in dem ein endlicher Tabakladen ist. Nur die Mülltonnen sind echt...